Winterlied

 

Im Winter und zu jeder Zeit zu singen

Vor acht Monaten, im Frühling,
Trällert´ ich vergnügt ein Mailied,
Dem ein Sommer- und ein Herbstlied
Folgten, ernster und gesetzt.

Wie die Tage und die Wochen
Fallen rasch in eins zusammen!
Plötzlich bin ich im Dezember,
Und der will ein Winterlied,

Um den Kranz der Jahreszeiten,
Wie es sich gehört, zu schließen.
Vier ist ja die Zahl der Ordnung,
Die das Leben strukturiert!

Wo ich hinschau', immer find' ich
Diese Zahl, die Ordnung stiftet,
Bald ist voll der Mond, bald hälftig,
Ist er neu dann, nimmt er zu,

Und der Morgen weicht dem Mittag,
Der dann seinerseits dem Abend
Platz schafft, nur dass dieser wieder
Sich geschlagen geb' der Nacht.

„Heilige Ordnung, segensreiche
Himmelstochter“ zwitschert Schiller,
In dem Glockenlied, dem langen,
Doch man nehme sich in Acht!

Trügerisch ist diese Ordnung,
Ist ein Notbehelf, nichts weiter.
Und die Sonnen-, Taschen-, Standuhr
sind vom Menschen nur gemacht,

Weil er glaubt, dass Instrumente,
Die, was er für Zeit hält, messen,
Ihm zuletzt auch dazu dienen,
Dass er sichre seine Macht

Über das, was nicht beherrschbar,
Was bescheiden, voller Demut
Nur kann angenommen werden,
Weil es größer ist als er.

Ich als Mensch bin nur ein Teilchen
Eines unermesslich großen
Ganzen, das sich ständig ändert,
Nie in starren Grenzen ruht,
Das nicht richtet sich nach Zeigern
Einer Taschen- oder Turmuhr,
Nicht Sekunden, nicht Minuten
oder Tag' und Monde zählt,

Sondern dem Gesetz des Wandels,
Das, was war, was ist, was sein wird,
Auflöst, ablöst, umformt, neu formt,
Stetig unterworfen ist.

Welcher ist der Name dieses
Festen, ehernen Gesetzes,
Das in wirrer schöner Ordnung
Uns mit seiner Macht umschließt

Und mit liebend strengem Zügel
Wasser, Feuer, Luft und Erde,
Widerspenstige wilde Rosse,
Die den Weltenwagen ziehn,

Durch sein Wort alleine bändigt,
Weil sein Wort nicht bloß ein Wort ist,
Sondern einen tiefen Sinn hat,
Der stets mündet in die Tat?

Leben ist der Name dieses
Festen, ehernen Gesetzes,
Das zugleich auch Kraft und Tat ist
Das aus Chaos Ordnung schafft;

Das bewirkt, dass jedes Frühjahr
Aufwacht, was im Winter ruhte,
Dass im Sommer sich entfalte,
Was im Herbst zur Reife kommt;

Was danach, wenn sich der Winter
Meldet, eingeht und wie tot scheint,
Aber, statt ins Nichts hinüber,
In ein neues Leben schläft?

Dieses Wort, das Kraft und Tat ist,
Das die widerspenstigen Rosse,
Welche ziehn den Weltenwagen,
Bändigt, nenne ich es Gott?

Ob ich's Gott, ob sonst wie nenne,
Ändert nichts an seiner Stärke,
Schwächt die Energie nicht, mit der
Es ins Chaos Ordnung bringt

 

Und danach in neues Chaos
Alle Ordnungen lässt sinken,
Nur damit aus neuem wirren
Chaos bessre Ordnung quillt.

Warum aber dieser Wandel?
Warum ändert sich denn immer
Alles, was wir lieb gewannen,
Warum bleibt denn nichts bestehn?

Warum muss aus Ordnung Chaos
Und aus Chaos Ordnung werden?
Gibt es Dauer nicht im Leben?
Ist das Leben Wandel nur?

Gibt es nichts, das fest gegründet,
Unveränderlich und stetig
Das bleibt, was es ist, und niemals
kleidet sich in neue Form?

Nein. Denn was sich nicht verändert,
Hat kein Sein, ist nicht vorhanden,
Ist das Nichts, das Nicht-Sein, welches
Denkbar nicht uns Menschen ist.

Nur im Sein ist denken möglich.
Könnte ich das Nicht-Sein denken,
Würde ich kein Sein besitzen,
Wär' ich, was absurd ist, nichts.

Doch ich bin nicht nichts, bin etwas,
Einer, der sich stets verändert,
Der im Frühling singt ein Mailied,
Der im Winter anders fühlt,

Weil es Winter ist, nicht Frühling,
Weil acht Monate vergingen,
Weil in allen diesen Wochen
Er viel Neues hat erlebt,

Weil er älter ist geworden,
Weil er täglich spürt aufs Neue
Wie die dauernde Verwandlung
Anderen Gesang bedingt.

Da das Sein ist unvergänglich,
Werde ich auch künftig singen,
Anfangs laut noch, später leiser,
Murmelnd, brummend, endlich stumm

 

Und allein für Geister hörbar,
Alte, kluge, liebe Meister,
Die die Welt und ihren Wandel
Kennen. Ihnen ruf' ich zu:

Helft mir, singend zu bewältigen
Meines alten, neuen, künftigen
Lebens weitverzweigte Wege,
Mit dem alten Menschheitslied!

 

Georg Apfel, Dezember 2018

 


 

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