Georg Apfel

 

Rede zur Ausstellungseröffnung in der Galerie Pasquay, Deggendorf, am 17.12.2014

 

 

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Margit, lieber Herr von Linprun!

 

 

Vor dreißig Jahren, am 10.November 1984, stellte Manfred von Linprun zum ersten Mal in der Galerie Pasquay aus. Am heutigen Abend wird in dieser Galerie seine zweite Ausstellung eröffnet. Damals wie heute wurde ich gebeten, dazu eine Rede zu halten. Darüber freue ich mich. Das ehrt mich. Dafür danke ich.

Vor dreißig Jahren standen Herr von Linprun und ich in der Blüte unserer Jahre, wobei ich ganz ohne Neid und mit aller Bescheidenheit anmerken muss, dass er bereits vor dreißig Jahren um vieles schöner und üppiger blühte als ich.

Heute zählen wir beide zu den so genannten Senioren, vulgo zu den Alten. Die Zeit der Blüte liegt weit zurück. Die der Reife auch. Es ist Erntezeit.

Aber stimmt das? Wird nicht auch gleichzeitig wieder von uns gesät?

Und fuhren wir nicht auch schon vor dreißig Jahren Ernten ein?

Ist es nicht so?

So ist es. In der Natur wird nämlich immer gesät und geerntet, gepflanzt und gerodet. Und wir Menschen  sind Teil der Natur. (Nur vergessen wir das immer wieder, indem wir uns, zu unserem eigenen Nachteil, als ihr Herr aufspielen.) Und für die Natur trifft zu, was der Vorsokratiker und Naturphilosoph Heraklit vor mehr als 2500 Jahren schrieb: „Alles geht in kreisenden Umläufen. (…) Allenthalben sind Zusammenhänge, Verbindungen, fließende Übergänge. (...) Das Kalte wird warm, Warmes wird kalt, Nasses wird trocken, Trockenes wieder nass. (…) „Sich wandelnd ruht das All.“  Und damit bin ich auch schon beim Thema meiner Rede:

Heraklit und die Linprunsche Chaotik.

Zugegeben, diese  Verbindung  klingt extravagant, ist es jedoch keineswegs, wie ich hoffentlich darzulegen vermag.

Erlauben Sie mir aber rasch noch eine Vorbemerkung: Was Kunstwerke zu sagen haben, ist an diesen selber abzulesen. So, wie sie sind, sagen sie alles, was sie zu sagen haben, und halten sich bereit und offen für jede Deutung von außen. Der Künstler selber tut gut daran, nichts dazu zu sagen und allein seinen Werken das Wort zu überlassen, denn diese wissen mehr als er. Mir nun als Betrachter und als Redner des heutigen Abends obliegt es allerdings, über Linpruns Werke zu reden und mühsam zu versuchen, mit meiner eigenen, den Kunstwerken nicht adäquaten Sprache das wiederzugeben, was ich ihnen entnommen  habe. Das wird nicht viel sein, denn Kunstwerke sind unerschöpflich. Aber etwas ist es immerhin. Und auch Ihnen, verehrte Zuhörer, werden seine Werke, wenn Sie sie nur lange genug anschauen und ihnen lange und aufmerksam genug lauschen, etwas sagen, manches auch, was sich vielleicht, nein, ganz sicher von meinen Äußerungen unterscheidet. Das muss so sein, denn jeder hat seinen eigenen Kopf, und in jedem unserer Köpfe entsteht eine andere, eigene Bedeutung eines Kunstwerks.  So gesehen erfordert das ehrenvolle Privileg, Ihnen heute die von der Linprunschen Kunst über einen langen, teilweise sehr langen Zeitraum in meinen Kopf gesendeten Mitteilungen in aller Kürze vortragen zu dürfen, auch ein bisschen Mut. Denn ob man es will oder nicht, man setzt sich beim Reden über ein Kunstwerk, beim Offenbaren seiner Meinung zu einem Kunstwerk zwangsläufig der Gefahr aus, auf Unverständnis, Widerspruch oder Ablehnung zu stoßen. Das soll mich aber nicht schrecken und daran hindern, aufrichtig und  ohne Verstellung meine Meinung zu äußern. Ich vertraue dabei auf Ihre Nachsicht und Ihr Verständnis.

Genug der Präliminarien. Zur Sache jetzt!

„Chaotik“ nennt Manfred von Linprun seit geraumer Zeit seine Kunst. Er hat seine Gründe dafür. Sie liegen in seinem Schaffen ganz offen zutage, ob in den 60 neuen, immateriellen Licht-Bildern, die seit dem Jahr 2009  monatlich in der Reihe „Neues zur Chaotik“ auf seiner Homepage erscheinen und in meinen Augen sich zu seinem Hauptwerk auswachsen, oder in seinen umfangreichen Siebdruckserien, in denen man wie in einem Dschungel, berauscht von Düften und Farben und doch hell wach und luzide, herumirren kann. Weshalb ich den Begriff „Chaotik“ als Oberbegriff für sein Schaffen so überaus passend finde, möchte ich Ihnen im Folgenden darlegen.

In den Werken, die unter dem Begriff  „Chaotik“ firmieren, sehe ich einen vom Künstler geschaffenen Raum, in dem - verzeihen Sie die Synästhesien, aber sie sind angebracht – Farben singen und klingen, in dem es vielfarbig schreit und flüstert, kocht und zischt, in dem Blitze zucken und Donner grollen, in dem Aufsteigendes und Absteigendes sich begegnet, zusammenprallt, sich kreuzt, sich verschlingt, sich löst und erneut sich verbindet;

ich sehe einen Raum, in dem Linien entstehen und vergehen, sich  vervielfachen, parallel laufen und gleichzeitig sich zuerst bündeln, dann verwirren, dann  verschwimmen, und dann wieder fassbar werden;

einen Raum, in dem Flächen zu Gestalten sich formen, zu schönen, ebenmäßigen, geometrisch anmutenden, diese aber wieder zu Gebilden mutieren, die zerfasern, sich überlappen, überdecken, verbergen und in neuen Gestalten wieder auftauchen;

einen Raum, in dem sich Formationen in rhythmischer Wiederholung wie ein Netzwerk über alles werfen, alles einfangen wollen und doch nur eine prekäre Ordnung ohne Dauer schaffen;

ich sehe Farben, die prachtvoll aufleuchten, weil Nachbarfarben sie in ihrer Leuchtkraft befördern, oder solche, die sich vom Drohen anderer Nachbarfarben, dunkler, schwerer, geradezu erstickender, einschüchtern lassen und ihre Leuchtkraft verlieren, nur um diese an anderer Stelle, in neuer, günstigerer Nachbarschaft, gleich wieder zu gewinnen;

ich sehe, dass  in diesem Raum buchstäblich alles möglich, nichts unmöglich ist. Denn dieser Raum ist unerschöpflich, ist ein Möglichkeitsraum, ein Raum der Potentialitäten. Er verführt, er zwingt mich als Betrachter mitzutun, mitzuschaffen. Dieser schwingende, vibrierende, pulsierende Raum lässt mich nicht außen stehen, sondern zieht mich in sich hinein. Dieser Raum lebt, weil er atmet, und ich atme und lebe mit ihm. Dieser Raum ist ein einziger lebendiger Organismus, weil er in höchster Abstraktion die Gesetze des Lebens  vollzieht. Er atmet ein, er atmet aus, er weitet sich diastolisch, verengt sich in der Systole. Es ist ein Raum, in dem tausendfach und immer gezeugt wird, Leben entsteht; in dem tausendfach und immer gestorben wird, Leben vergeht; es ist aber auch ein Raum, und das ist entscheidend, in dem nichts verloren geht, sondern alles immer da und nur in permanenter Verwandlung begriffen ist.

Linprun zeigt in seinen Werken der Chaotik ein Meer von Möglichkeiten, denen ein Geist, sein Geist, der Geist dadurch Sein verleiht, dass er aus der ungeahnten Zahl von Möglichkeiten, ich nenne sie das Chaos,  Formen und Leben, lebendige Formen, Lebensformen entstehen lässt. Sein ist Werden.

In ihrem Werden zeigen diese Formen, wie Geist und Materie zur untrennbaren Einheit verschmelzen.

Und hier, genau an diesem Punkt, trifft, wie ich meine, die Chaotik mit der Lehre Heraklits zusammen. Heraklit schreibt nämlich:
 
„Sich verbindend fassen sich zusammen Ganzes und Nicht-Ganzes, Zusammenstrebendes und Auseinanderstrebendes, Zusammenklingendes und dissonant Klingendes, aus Allem wird Eines und aus Einem Alles. (…) Es ist aber notwendig zu wissen: Der Kampf ist allem gemeinsam. Alles wird erzeugt auf zwieträchtige und notwendige Weise. (…) Der Kampf ist der Vater aller Dinge.“

Diese Sätze fassen genau den Inhalt des Begriffes „Chaotik“, wie ich ihn verstehe. Der Zerfall des Einen in sein Gegenteil, das Spannungsverhältnis oder der „Kampf“, der zwangsweise zwischen den jeweiligen Polaritäten entsteht, ist im wahrsten Sinn des Wortes  die zum Leben notwendige, die  das Leben erst ermöglichende Energie, das geistige Prinzip, das dem Leben zugrunde liegt. Er  ist die zeugende Kraft, die der These innewohnt und aus ihr mit innerer  Notwendigkeit die Antithese hervortreibt, welche im Streit mit der These zur Synthese sich gestaltet. Die Synthese ihrerseits bildet die neue These, die wiederum zwangsläufig eine Antithese gebiert. Und so geht es fort und fort, ins Unendliche, ins Ewige, ein unaufhörlicher Kreislauf, der sich wie eine Spirale dreht und höher schraubt.

Genau diesen Lebensmodus nun, so sehe ich es,  führt uns Linprun in seiner „Chaotik“ genannten Kunst vor Augen. Diese Kunst lässt das Wesen des Lebens, das Wesen der Welt anschaulich, einsehbar und  nachvollziehbar werden.
 
Für Heraklit schwebt der Geist nicht transzendent  und als Person über dem Weltganzen, sondern lodert als immanentes Geistesfeuer in einer Welt stetigen Wandels, in einer Welt  ständiger Entwicklung: „Diese Welt hat kein Gott und kein Mensch erschaffen, sondern sie war immer und ist und wird sein ein lebendiges Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen erlöschend. (…) Sich wandelnd ruht das All. (…)“  Und alles verbindet sich in „schönster Harmonie. (…) Unsichtbare Harmonie jedoch ist stärker als sichtbare.“

Alles verbindet sich in schönster Harmonie. Auch das gilt für die Arbeiten Linpruns. Trotz allem Beben, Vibrieren, Schwingen, trotz aller Bewegung, trotz allem Kampf der Formen und Farben, die antithetisch dauernd Neues erzeugen, ruht der von ihm geschaffene Raum der Potentialitäten, das Chaos, welches dauernd zu Formen wird und Sein gewinnt, in sichtbarer und unsichtbarer, in spür- und erlebbarer Harmonie in sich.

Ein Kunstwerk ist dann ein solches, wenn es das Wesen des Lebens, des lebendigen Weltganzen in einem schönen, da harmonischen Werk nachvollziehbar macht.

Derartiges gelingt Mozart in seinem „Don Giovanni“, in „Così fan tutte“, in seinem „Figaro“.

Derartiges gelingt Goethe in seinem „Faust“.

Derartiges gelingt Shakespeare in vielen seiner Dramen.

Derartiges gelingt vielen Künstlern, zu allen Zeiten, allen Epochen.

Derartiges gelingt, wie ich überzeugt bin, auch in den Arbeiten, die Sie ab heute in der Galerie Pasquay betrachten können.

Vielleicht, verehrte Anwesende, halten Sie meine Äußerungen für verstiegen. Das ist Ihr gutes Recht. Ich selber finde: Sie sind es nicht. Meine hier geäußerte Meinung, meine hier geäußerte Überzeugung fußt auf  persönlichen Erfahrungen und andauernden Erlebnissen mit Linprunschen Werken. Ich gehe, ganz dreist, sogar noch einen Schritt weiter und behaupte: Eine so beschaffene Kunst wie die Linprunsche Chaotik steht nicht nur nicht in einem wie auch immer gearteten „Dienstverhältnis“ mit einer Philosophie, einer Religion oder irgendeiner Ideologie, sondern ist eine autonome, völlig gleichberechtigte Erkenntnisquelle neben der Philosophie und jeder anderen Geistes- oder Naturwissenschaft. Sie ist sogar, so behaupte ich, jeder Wissenschaft überlegen. Was  Wissenschaft nämlich mühsam und in kleinen Schritten induktiv sucht und zu finden hofft, wahrscheinlich aber nie findet: die Erkenntnis dessen, „was die Welt / Im Innersten zusammenhält“ (Goethe, Faust I), das hat die Kunst bereits gefunden, ohne dabei die Natur zu einem Gegenstand, einem Objekt degradiert zu haben. Die Kunst muss nicht, um es zu ergründen, dem Leben den Geist austreiben, das Leben parzellieren, dem Leben das Leben nehmen, bloß um anschließend festzustellen, dass sie lediglich „Teile in der Hand (hat), denen „leider! Nur das geistige Band (fehlt)“ (Goethe, Faust I).  Wenn die Kunst solche Werke schafft, wie sie heute in der Galerie Pasquay zu finden sind,  gelingt ihr der Nachweis, dass wir, in welcher Seinsform auch immer, lebendiger Teil eines großen lebendigen Ganzen sind, eines ewigen lebendigen Organismus. In solchen Werken können wir dann das Absolute anschauen und in der Anschauung, wie Schelling meint, erfassen. Und auch genießen. In einem solchen Kunstwerk gelangen wir schließlich zu einer Wesensschau, die uns, zumindest für  einen Augenblick, erfahren lässt, was, wie Heraklit es formuliert, das „Ziel des Lebens“ ist: „ Ein volles Genügen“.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

Georg Apfel

 

 

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