Georg Apfel

 

Galerie Pasquay, Deggendorf, Ausstellung Manfred von Linprun „Licht“
Rede zur Ausstellungseröffnung am 11.März 2015

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Herr von Linprun!

 

Die Ausstellung, die ab heute in der Galerie Pasquay gezeigt wird, ist mit dem Wort „Licht“ überschrieben. Es sind erneut Werke von Manfred von Linprun zu sehen.

„Licht“ ist ein Begriff, der eine Fülle von Assoziationen in unserem Kopf erweckt. Deren Spanne ist immens. Sie reicht von dem Ausdruck „das Licht der Welt erblicken“ bis zum pietätvoll den Verstorbenen nachgerufenen Wunsch, das „ewige Licht“ möge ihnen leuchten. Man könnte eine ganze Rede bestreiten mit der Präsentation von Wendungen, sprachlichen Bildern und Vergleichen, die allesamt mit diesem „Urphänomen“ zu tun haben. Doch dazu bin ich nicht eingeladen. Meine ehrenvolle Aufgabe ist auch heute wieder die eines „Laudators“, und ihr gerecht zu werden ist mein redliches Bemühen. Ein Laudator muss sein Lob jedoch begründen, will er sich nicht dem Vorwurf aussetzen, bloße Lobhudelei zu betreiben. Daher sei mir der kleine Umweg gestattet, der im Grunde gar keiner ist, in der gebotenen Kürze über das Phänomen Licht und einige seiner Auswirkungen nachzudenken. Der Blick wird sich dann, wie ich glaube, ganz von selbst auf das Linprunsche Schaffen und seine ausgestellten Werke richten.

Das Licht, diese „edle Himmelsgabe“, von der „jedes glückliche Geschöpf“ lebt, wie es in Schillers Tell-Drama heißt, ist Voraussetzung für das Sehen. Am Licht haben sich unsere Augen gebildet. Ohne Licht sehen wir nicht, sehen wir nichts, weder Formen noch Dinge noch Farben. Erst dank des Lichts werden wir der Welt voll und ganz teilhaftig. Durch die Augen als Einfallstor dringt sie, sichtbar geworden, ein in unseren Kopf, in unser Gehirn, und setzt dort einen Mechanismus in Gang, den wir Denken nennen:

Was ist das, was wir sehen?
Wie sieht das genau aus, was wir sehen?
Sehen die anderen die Dinge auch so, wie wir sie sehen?
Ist das, was wir sehen, tatsächlich so, wie wir es sehen?
Unterliegen wir möglicherweise einer Täuschung?
Könnte das, was wir sehen, auch anders sein?
Warum schmerzt uns so vieles von dem, was wir sehen?
Warum macht uns so vieles glücklich?
Warum entsteht aus dem Wohl ein Weh, aus dem Weh ein Wohl?
Was könnte man tun, damit das Weh aus unserer Welt verschwindet, das Wohl sich dauerhaft einstellt?

Fragen über Fragen, hervorgerufen durch das Denken, beflügelt durch das Fühlen, bedingt durch das Sehen.

Mit dem Sehen also kommt das Denken. Zwangsläufig.

Mit dem Denken kommt die Wissenschaft. Zwangsläufig.

Mit dem Denken kommt aber auch die Kunst. Zwangsläufig.

Die Kunst?

Die Kunst!

Wissenschaft und Kunst, beide, sind so alt wie das Denken. So alt wie das Sehen. So alt wie das Fühlen.

Ohne Fühlen, Sehen und Denken ist keine Wissenschaft möglich.

Ohne Fühlen, Sehen und Denken ist keine Kunst möglich.

Was der Künstler und der Wissenschaftler sehen, weckt ihr Interesse, ihre Lust, ihre Anteilnahme am Leben, unter welcher Gestalt auch immer es sich dem forschenden Auge darbietet.

Und was sie sehen, wollen sie, Künstler wie Wissenschaftler, mit allen Mitteln der Kunst, mit allen Mitteln der Wissenschaft, auch erkennen.

Und haben sie sich nicht von Gier und Materialismus verführen, fesseln und blenden lassen, dann erkennen sie, beide, dass „die eigentliche Wirklichkeit (eine Welt, die wirkt) im Grunde als Potenzialität“ sich erweist, als „ein nicht - auftrennbares, immaterielles, zeitlich wesentlich indeterminiertes und genuin kreatives Beziehungsgefüge“, das uns lehrt, neu zu denken, damit wir nicht in Erstarrung absterben, sondern leben „in einer Allverbundenheit, die wir Liebe nennen können und aus der Lebendigkeit sprießt“ (Hans-Peter Dürr, Potsdamer Manifest 2005).

Und beide, Wissenschaftler wie Künstler, geben schließlich ihrer Erkenntnis auf die ihnen eigene Weise Ausdruck und Nachprüfbarkeit: Der eine durch seine wissenschaftliche Arbeit, der andere durch das Kunstwerk. Im Idealfall ist der Unterschied minimal oder völlig verschwunden.

Konzentrieren wir uns auf die Kunst, denn mit ihr sind wir bei Linprun und seiner Ausstellung in der Galerie Pasquay angelangt.

Gehen wir, erst in Gedanken, dann tatsächlich, in diese Ausstellung hinein!

Was sehen wir?

Wir sehen Kunst.

Wir sehen Kunst in Form von Bildern, vor allem aber, diesmal, in der Form von faszinierenden, schier betörenden Lichtspielen.

Wir sehen in diesen Bildern, in diesen Lichtspielen, ein fesselndes Theater, ein Welttheater in verschiedenen Formaten.

Das Stück, das in diesen Werken gespielt wird, in jedem auf eine eigene, bestrickende Weise, ist das uralte Stück vom Entstehen und Vergehen, vom stetigen Wandel des Immergleichen, vom Scheitern des Unmöglichen und Gelingen des Möglichen;

es ist das Spiel von Licht und Finsternis, von Farbe und Farblosigkeit, von Zwietracht und Ausgleich, Niederlage und Sieg, Freude und Schmerz, Freiheit und Notwendigkeit;

das Spiel von dem einen Ganzen und seinen Teilen;

das dialektische Spiel von Satz und Gegensatz.

Kurzum:

Was im Linprunschen Welttheater gespielt wird, ist das Stück, das in jedem Kunstwerk, wenn es eines ist, gespielt wird: Das Stück vom Leben. Und weil es Kunst ist, dieses Spiel, ist es zwar schön, beschönigt aber nichts.

Weil es Kunst ist, gibt es Einblick in das Leben, wie es ist und verschweigt nichts von dem, was gesagt werden muss.

Voraussetzung ist, der Betrachter, der Zuschauer will die Wirklichkeit sehen, die Wahrheit hören.

Voraussetzung ist, der Betrachter, der Zuschauer strebt selber nach Erkenntnis.

Große Worte!

In der Tat. Aber keine hohlen! Sie sind belegbar. Nachweisbar am Werk.

Betrachten Sie zum Beispiel die drei Abbildungen auf der Einladungskarte. Die Originale hängen in den Ausstellungsräumen. Schenkt man ihnen nur einen flüchtigen Blick, wirken die drei Leuchtröhrenbilder apart, sehr dekorativ, möglicherweise auch interessant. Fasst man sie aber genau, lang, aufmerksam und vor allem wissbegierig ins Auge, beginnt auf ihnen ein Spiel, das es mit jedem Drama aufnehmen kann. Die verschiedenfarbigen Lichtröhren, die auf dem ersten, schmalsten Bild eng beieinanderliegen, auf dem zweiten schon weiter auseinandergerückt sind und auf der dritten, breitesten Tafel beinahe verloren, eher matt vor sich hin leuchten, teilen scheinbar ein schlimmes Los. Das Schicksal oder ein neugieriger Experimentator hat sie auseinandergerissen, zerhackt oder ganz planmäßig getrennt und neu zusammengesetzt. Die neuen Verbindungen haben jedoch, wie alles Neue, durchaus ihren Reiz. Sie zeitigen neue Farbnuancen, lassen die Farben, je nach Nachbarschaft, changieren, versuchen - bleiben wir ruhig bei diesen Vermenschlichungen! - nicht ohne Erfolg, sich mit den ihnen aufgezwungenen neuen Verhältnissen zu arrangieren. So spürt man, wie zum Beispiel das Rot, das Grün, das Gelb oder Violett über die jeweils dazwischen gesetzten Farben hin nach seinem verlorenen Teilstück sich sehnt, sich die Vereinigung mit ihm zurückwünscht, in spannungsvoller Sehnsucht über Abgründe hinweg mit ihm verbunden bleibt, schmachtend, leidend, duldend, und doch den Lebensmut, die Lebenskraft, die Lebensfreude, das Leuchten also, nicht aufgibt. Bei aller augenscheinlichen Festgefügtheit herrscht ein virtuelles Hin und Her, kann man ein sehnsüchtiges Pochen und Pulsieren spüren, ein verführerisches Glänzen, ein verlockendes Flimmern wahrnehmen, und trotz oder gerade wegen der Teilung hat sich ein „gewisser Einklang der Gegensätze“ (Thomas von Aquin) ergeben, ist über die Distanzen hinweg
ein neues, harmonisches Ganzes entstanden, das atmet, lebt und leidet und, weil es atmet, lebt und leidet, sich in ein Neues verwandelt. Das All bleibt ruhig und wandelt sich doch ständig. Was für ein Spiel!

Ein Lichtspiel nur?

Das schon auch.

Vor allem aber ein Kunstwerk!

Ein Beispiel.

Ein Licht- und Welttheater, das niemals zur Ruhe kommt;

das erkennen lässt, wie alles zusammenhängt, auseinander hervorgeht und wieder ineinander, in ein Neues wächst.

Wer will, kann aber noch viel tiefer in dieses Lichtdrama in drei Akten eindringen und beispielsweise, Goethes diesbezüglichen Studien folgend, die psychologischen Wirkungen der einzelnen Farben auf uns als Betrachter untersuchen.

Wer will, kann aber auch von den Leuchtröhrenbildern sich ab- und dem ebenso aufregenden wie unterhaltsamen Dramolett zuwenden, welches die kleinen Figuren aufführen, die, frei im Raum balancierend, in oder an ihren transparenten Würfelchen agieren, aus ihnen heraus ins Leere klettern, die Nachbarwürfel anstreben oder einfach aus Not, aus Hunger, aus Lebenshunger vielleicht oder aus Sehnsucht nach Neuem zu munteren Abenteurern, verwegenen Akrobaten, wirren Spielern oder verwirrten Närrchen mutieren, vielleicht stürzen, vielleicht fallen, vielleicht Unheil für sich selber wie für andere anrichten, vielleicht aber auch sich selber und andere retten.

Wer will, kann dann den Würfelkletterern und Raumhüpfern den Rücken kehren und sich von den Dramen in Bann schlagen lassen, die in einem packenden Lichtrelief aufgeführt werden;

oder die Lichtgespenster und phantastischen Raumverzauberungen beobachten, die die rotierenden Leuchtstabwürfel heraufbeschwören beziehungsweise bewerkstelligen.

Wer will, kann sich durch das grandiose Spiegelungstheater, das die Leuchtröhrenbilder in den Chaotikbildern zur Aufführung bringen, verzücken lassen, kann sich in diesen neuen, tiefen, wunderlichen und ganz und gar mysteriösen Räumen verlieren, kann sich in nie gesehene Welten hineinsaugen lassen und das geheimnisvolle Spiel der Verwandlungen von Chaos zu Ordnung und von Ordnung zu Chaos miterleben.

Welchem der ausgestellten Werke der Betrachter sich auch widmet, sicher ist:

Wer mit Linprunschen Bildern, Skulpturen oder Lichtspielen sich abgibt, wird niemals zu Rande kommen, wird immer etwas zu betrachten, zu entdecken, zu erleben haben;

wird durch die Betrachtung dieser Werke zu neuen Einsichten in sein Leben kommen;

wird immer auch zu neuen Erkenntnissen gelangen, die seine Mitwelt betreffen.

Wer mit Linprunscher Kunst sich abgibt, an ihr sich reibt, an ihr sich abarbeitet, wird von
ihr getröstet, durch sie erfreut und mit der Welt versöhnt, denn er erkennt, dass das farbenreiche Spiel des Lebens auf der Bühne der Welt, trotz aller oft genug herzzerreißenden Dramatik, nie eine sinnlose Tragödie ist;

dass das Große Welttheater nie absurdes Theater sein kann;

wird die Welt, so, wie sie ist, als eine schöne erkennen;

wird die Welt deshalb lieben, und sich selbst dazu.

 

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Georg Apfel

 

 

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